Außergewöhnliche Ausstellung zur Einwanderungsgeschichte mit vielfältigem Rahmenprogramm
Ausstellung „Gastarbeiter:innen“ als Pionier:innen des gesellschaftlichen Wandels – Vom Ankommen zum Mitgestalten am Beispiel des Wiesloch-Walldorfer Gastarbeiterparlaments von 1971, vom 8 bis 23. Oktober 2026 im Wieslocher Rathaus.
1971 wurde in Wiesloch ein vielbeachtetes Stück Zeitgeschichte geschrieben: Damals entstand mit dem Wiesloch-Walldorfer Gastarbeiterparlament ein außergewöhnliches Gremium. Es gab den in Wiesloch und Walldorf lebenden ausländischen Arbeitskräften erstmals eine politische und gesellschaftliche Stimme und eröffnete ihnen die Möglichkeit, das kommunale Leben aktiv mitzugestalten. Dieses bemerkenswerte Kapitel der Kommunalgeschichte, das bundesweit und darüber hinaus für große mediale Aufmerksamkeit sorgte, steht im Mittelpunkt der Ausstellung „Gastarbeiter:innen“ als Pionier:innen des gesellschaftlichen Wandels – Vom Ankommen zum Mitgestalten am Beispiel des Wiesloch-Walldorfer Gastarbeiterparlaments von 1971, die vom 08.-23. Oktober 2026 im Wieslocher Rathaus zu sehen sein wird.
Die Ausstellung lädt dazu ein, dieses Kapitel der Kommunalgeschichte (neu) zu entdecken. Sie würdigt Lebenswege von Menschen, die einst „Gastarbeiterinnen“ und „Gastarbeiter“ genannt wurden und einen unverzichtbaren Beitrag zur wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung Deutschlands und der Region leisteten. Die von einem vielfältig zusammengesetzten Kuratorium vorbereitete Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft des Wieslocher Bürgermeisters Ludwig Sauer, wird unterstützt durch die Partnerschaft für Demokratie Wiesloch und gefördert durch das Bundesfamilienministerium im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“.
Begleitet wird die Ausstellung von einem aus mehreren Einzelterminen bestehenden Rahmenprogramm, das sich mit den Chancen und Herausforderungen dieser Zeit auseinandersetzt und den Bogen zum Thema „Arbeitsmigration heute und in der Zukunft“ spannt.
- 08.10.2026, 17.30 Uhr,
Foyer des Wieslocher Rathauses, Marktstraße 13:
Vernissage mit einem Grußwort von Bürgermeister Ludwig Sauer.
Eintritt frei. - 12.10.2026, 19.00 Uhr,
Ratssaal Rathaus Wiesloch, Marktstraße 13:
Podiumsgespräch mit Zeitzeug:innen: Ivanka Mihalic, Rosario Messina, Herbert Weisbrod, Pat Klinis und Weiteren, Impuls von Gert Weisskirchen. Moderation Aynur Bagdelen und Mario Strammiello. Ehemalige „Gastarbeiter:innen“ erzählen von ihren Lebenswegen.
Eintritt frei. - 15.10.2026, 20.00 Uhr,
Luxor Filmpalast Walldorf/Wiesloch:
Filmvorführung und -gespräch in Kooperation mit dem Filmclub Wiesloch/Walldorf. Gezeigt wird der Film „Songs of Gastarbeiter – Liebe, D-Mark und Tod“. Dieser Dokumentarfilm von Cem Kayas erzählt von der Musik türkischer Gastarbeiter:innen und ihrer Nachkommen in Deutschland zwischen Heimat, Identität und Teilhabe. Der Film wurde mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.
Kartenvorverkauf (7,50 € oder 8,50 €): Online oder an der Kinokasse. www.luxor-kino.de. - 19.10.2026, 10.30 Uhr,
Ratssaal des Wieslocher Rathauses, Marktstraße 13:
Vortrag von Katja Mast, Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin für Arbeit und Soziales Bärbel Bas.
Eintritt frei. - 21.10.2026, 15.00 bis 16.30 Uhr:
Gesprächsrunde „Erzähl mir was!“ in der Volkshochschule Südliche Bergstraße e.V., Ringstraße 1, 2. OG, Raum 11a.
Diese Gesprächsrunde bietet Gelegenheit zum Austausch über Herkunft, Wünsche für die Zukunft, Teilhabe, Mitgestaltung u.v.m.
Anmeldung unter info@vhs-sb.de oder 06222-92960. - 21.10.2026, 19.00 Uhr,
Palatin Wiesloch, Raum Sickingen:
Podiumsdiskussion mit Grußwort des Wieslocher Oberbürgermeisters Dirk Elkemann zum Thema „Grenzenlos arbeiten“. Gemeinsam mit Gästen aus der Praxis werden aktuelle Entwicklungen, Herausforderungen und Perspektiven von Arbeitsmigration diskutiert: Tatjana Weber, Mursal Noorzai, Pramod Reddy Atla, Ajax Mohamed, Tomas Borszyskowski, Ihor Zhaloba. Moderation Memet Kilic und Gert Weisskirchen.
Eintritt frei. - 25.10.2026, 17.00 - 19.00 Uhr,
Kulturhaus Wiesloch:
Konzert „Ekke Maaß singt Wolf Biermann“. Vor 50 Jahren wurde Wolf Biermann aus der DDR „entlassen“. Seine Lieder spiegeln Erfahrungen von Entfremdung und Zuneigung.
Eintritt frei.
Bericht über die Ausstellungseröffnung
Ausstellungseröffnung im Wieslocher Rathaus würdigt die Lebenswege ehemaliger Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter und erinnert an ein außergewöhnliches Kapitel der Stadtgeschichte.
Wie wird aus einem fremden Land eine neue Heimat? Und wie gelingt es Menschen, die neu ankommen, ihre Anliegen einzubringen und die Gesellschaft mitzugestalten? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Ausstellung „Gastarbeiter:innen als Pionier:innen des gesellschaftlichen Wandels – Vom Ankommen zum Mitgestalten am Beispiel des Wiesloch-Walldorfer Gastarbeiterparlaments von 1971“. Sie wurde am 08.10.im Wieslocher Rathaus eröffnet und ist dort noch bis zum 23. Oktober 2026 zu sehen.
Im Mittelpunkt steht ein bemerkenswertes Kapitel der regionalen Geschichte: 1971 entstand das Wiesloch-Walldorfer Gastarbeiterparlament. Das Gremium gab den in Wiesloch und Walldorf lebenden ausländischen Arbeitskräften eine gemeinsame Stimme und eröffnete ihnen die Möglichkeit, ihre Anliegen gegenüber dem Gemeinderat zu vertreten. Mit diesem Ansatz erregte das Parlament weit über die Region hinaus Aufmerksamkeit. Es machte deutlich, dass die sogenannten Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter nicht nur dringend benötigte Arbeitskräfte waren, sondern sich auch aktiv in das gesellschaftliche und kommunale Leben einbringen wollten.
Geschichte verstehen, Gegenwart gestalten
Stadtarchivar Martin Sommer, der die Ausstellung federführend vorbereitet hat, erläuterte bei der Eröffnung den Anspruch des Projekts. Geschichte solle nicht nur Erinnerungen an Vergangenes wachhalten, sondern auch dazu beitragen, die Gegenwart besser zu verstehen und daraus Schlüsse für die Zukunft zu ziehen. Deshalb betrachtet die Ausstellung das Gastarbeiterparlament nicht isoliert, sondern stellt auch Bezüge zu heutigen gesellschaftlichen Fragen her. Themen wie Deutschland als Einwanderungsland und die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte beschäftigen Politik und Gesellschaft schließlich bis heute.
Sommer machte zugleich darauf aufmerksam, dass die Geschichten ehemaliger Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter in den Archiven häufig nur wenig sichtbar seien. Die Ausstellung biete daher die Gelegenheit, ihren Beitrag zur wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung Deutschlands und der Region stärker ins Bewusstsein zu rücken und wertzuschätzen.
Ina Hramacek vom Kulturforum Südliche Bergstraße, die dem Kuratorium der Ausstellung angehört, hob ebenfalls die Bedeutung der Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter für die Zeit des Wirtschaftswunders hervor. Dabei erinnerte sie ausdrücklich auch an die Frauen, die in Deutschland beschäftigt waren und einen wichtigen Anteil an dieser Entwicklung hatten. Sie dankte allen Beteiligten, die viel Zeit und Arbeit in die Ausstellung und das Begleitprogramm investiert hatten. Ein besonderer Dank galt Stadtarchivar Martin Sommer, der die zahlreichen Fäden des Projekts zusammengeführt hatte.
Bürgermeister Ludwig Sauer, der die Schirmherrschaft übernommen hat, würdigte das Engagement aller Mitwirkenden. Wiesloch könne stolz auf die Kultur des Miteinanders sein, die sich über die Jahre entwickelt habe. Auch das Gastarbeiterparlament habe hierzu einen wichtigen Anstoß gegeben.
Familiengeschichten machen Geschichte greifbar
Wie eng die historische Entwicklung mit persönlichen Lebenswegen verbunden ist, wurde bei der Eröffnung durch die Beiträge von Mario Strammiello und Said Bagdelen deutlich.
Der Arzt und Vorsitzende des Wieslocher DRK, Mario Strammiello, hatte den Impuls für die Ausstellung gegeben und brachte die Geschichte seiner eigenen Familie ein. Sein Vater stammte aus Matera in Süditalien, einer damals besonders armen Region. Die Bildungschancen waren begrenzt; nach nur fünf Schuljahren arbeitete er als Maurer. 1961 kam er im Alter von 18 Jahren nach Deutschland. Sein Vater lebte bereits hier. Der junge Mann wollte zum Lebensunterhalt seiner Familie in Italien beitragen und sich zugleich eine eigene Zukunft aufbauen.
In Wiesloch arbeitete er zunächst bei „der Ton“, später in einer Schuhfabrik und schließlich im Einzelhandel. Was zunächst als Arbeitsaufenthalt begonnen hatte, wurde zu einem neuen Leben: Er ließ seine bisherige Heimat zurück, fand in Deutschland seine Liebe, gründete eine Familie und machte das Land zu seiner Heimat.
Dazu passt der bekannte Gedanke des Schweizer Schriftstellers Max Frisch: „Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen.“ Das Zitat bringt auf den Punkt, worum es in der Ausstellung geht: Hinter den Begriffen „Gastarbeiterin“ und „Gastarbeiter“ stehen Menschen mit eigenen Geschichten, Hoffnungen, Familien und Zukunftsplänen.
Auch der 16-jährige Said Bagdelen gab bei der Eröffnung persönliche Einblicke. Er berichtete von seinen Großeltern, die aus Izmir nach Eberbach gekommen waren. In einer Zeit ohne Internet, Suchmaschinen oder künstliche Intelligenz mussten sie sich in einem fremden Land weitgehend ohne die heute selbstverständlichen Informationsmöglichkeiten zurechtfinden. Sie mussten von vorne anfangen und sich Schritt für Schritt ein neues Leben aufbauen.
Bagdelen zeigte sich besonders beeindruckt vom Mut seiner Großeltern. Ursprünglich hatten sie geglaubt, nur einige Jahre in Deutschland zu bleiben. Aus diesen Jahren wurde schließlich ein ganzes Leben. Um die Erinnerungen seiner Großeltern festzuhalten, hat er ein Gespräch mit ihnen aufgenommen. Die Aufnahme ist in der Ausstellung über Kopfhörer zu hören.
Gerade solche persönlichen Zeugnisse machen die Geschichte anschaulich und unmittelbar erfahrbar. Sie geben Menschen ein Gesicht und lassen nachvollziehen, welche Entscheidungen, Herausforderungen und Hoffnungen mit dem Ankommen in einem neuen Land verbunden waren.
Historische Dokumente, Bilder und Musik
Die Ausstellung verbindet die Geschichte des Gastarbeiterparlaments mit individuellen Lebensgeschichten. Mehrere Ausstellungsplakate informieren über die Entstehung und Arbeit des Gremiums. Ergänzend werden Ausschnitte aus zwei Fernsehbeiträgen des damaligen Südwestfunks gezeigt.
Fotos und Erinnerungsstücke stellen ausgewählte Personen und ihre Lebenswege vor. QR-Codes führen zu weiteren Hörbeiträgen und Interviews auf der Homepage des Kulturforums Südliche Bergstraße. An einer eigenen Hörstation können Besucherinnen und Besucher außerdem sogenannte „Songs of Gastarbeiter“ hören – Musik, die von Gastarbeiterinnen und Gastarbeitern eingespielt oder gerne gehört wurde.
Für musikalische Akzente bei der Eröffnung sorgte Emre Can Erol. Zwischen den Redebeiträgen bereicherte er das Programm mit Stücken auf dem Kanun, einer orientalischen Schoßharfe.
Die Ausstellung wurde von einem vielfältig zusammengesetzten Kuratorium vorbereitet. Unterstützt wird das Projekt durch die Partnerschaft für Demokratie Wiesloch; gefördert wird es vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“.
Ein Stück Stadtgeschichte, das bis heute nachwirkt
Das Wiesloch-Walldorfer Gastarbeiterparlament war ein zeitlich begrenztes Kapitel der Kommunalgeschichte. Seine Bedeutung reicht jedoch darüber hinaus. Es steht für den frühen Versuch, Menschen, die in der Region lebten und arbeiteten, stärker an kommunalen Entscheidungen zu beteiligen und ihren Anliegen Gehör zu verschaffen.
Die Ausstellung lädt dazu ein, diese Geschichte neu zu entdecken und zugleich die Lebenswege jener Menschen kennenzulernen, die längst ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft geworden sind – als Nachbarinnen und Nachbarn, Kolleginnen und Kollegen, Freunde und Familienmitglieder.
Die Ausstellung „Gastarbeiter:innen als Pionier:innen des gesellschaftlichen Wandels“ ist noch bis zum 23. Oktober 2026 im Wieslocher Rathaus zu sehen.